Rede von Ortsbürgermeisterin Ute Granold zum Volkstrauertag 2018

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, 

wir haben uns heute am Volkstrauertag hier versammelt, um der unzähligen Opfer von Kriegen, Terror und Gewalt zu gedenken.

Kann man Trauer “verordnen?“ Ein staatlicher Volkstrauertag mit seinem Gebot des stillen Gedenkens ruft bei manchen Unbehagen, bestenfalls Achselzucken hervor. Sollte es in einer freiheitlichen Gesellschaft nicht dem Einzelnen überlassen bleiben, wann und in welcher Form er sich mit der Vergangenheit beschäftigt? 

Ein Blick auf die Geschichte des Volkstrauertages gibt uns eine Antwort:

Auf Vorschlag des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge wurde 1922 vom damaligen Reichstagspräsidenten Paul Löbe der Volkstrauertag als Gedenktag für die Kriegstoten des Ersten Weltkrieges eingeführt.

In der Weimarer Zeit verlor die Trauer um die Gefallenen ihre gesellschaftlich verbindende Wirkung. Dies lag an der umstrittenen Deutung des Ersten Weltkrieges. Die politischen Kräfte, die am Volkstrauertag vermehrt dem Kampf und Leid der deutschen Soldaten gedachten und ihre heroischen Taten den nächsten Generationen zur Nachahmung empfahlen, wurden immer stärker. Nach der Machtübernahme wurde diese Deutung gesetzlich festgeschrieben. Der Volkstrauertag wurde zum “staatlichen Heldengedenktag“. Er sollte alle Deutschen in der Trauer vereinen. Für die Gefallenen des Zweiten Weltkrieges wurde die Wehrmacht zuständig.

Wiederum auf Betreiben des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge wurde 1952 der Volkstrauertag dann als Tag der nationalen Trauer in deutlicher Abgrenzung zum nationalsozialistischen Heldengedenktag weitergeführt und ist durch Landesgesetze geschützt. Seit 1945 wird am Volkstrauertag auch der zivilen Opfer der Kriege gedacht.

Es ist ein wichtiger Auftrag des Staates, Bürgerinnen und Bürger zu motivieren, sich mit den dunkelsten Kapiteln unserer Geschichte zu befassen. Genau in diesem Sinne ist der Volkstrauertag zu verstehen: Als Einladung zum Nachdenken darüber, was die unzähligen Kriegstoten und Gewaltopfer, derer wir an diesem Tag gedenken, uns in der Gegenwart, d. h. heute, lehren können. Der Blick zurück ist wichtig, um das “Heute“ verantwortungsvoll und friedlich miteinander zu gestalten.

Die beiden Weltkriege und die menschenverachtende Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten liegen inzwischen Jahrzehnte zurück, aber ihre Schatten sind lang. Die Spuren, die sie hinterlassen haben, prägen noch heute viele Familien - auch hier bei uns in Klein-Winternheim.

Wir erinnern uns dieser Tage an das Ende des Ersten Weltkrieges mit mehr als 9 Millionen gefallenen Soldaten und industrieller Neuerungen wie Maschinengewehre, schnell feuernde Artillerie und erstmals auch den Einsatz von Giftgas. Dieser Krieg wird von Historikern auch als “Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts bezeichnet.

Der Schriftsteller Franz Kafka notierte am 1. August 1914 in seinem Tagebuch: “Deutschland hat Russland den Krieg erklärt, Nachmittag Schwimmschule.“ Eine für uns heute unfassbare Formulierung, die allerdings damals die Erwartung vieler seiner Zeitgenossen ausdrückte: Ein kurzer, erfolgreicher Waffengang wie 1870/71 im deutsch-französischen Krieg mit anschließender Rückkehr zur friedlichen Normalität.  Es kam, wie wir wissen, ganz anders.

Sie haben sicherlich alle noch die Bilder vor Augen, als dieser Tage in Paris Politiker aus aller Welt des Kriegsendes vor 100 Jahren gedachten. Mit dabei waren auch der amerikanische Präsident, der russische Staatschef und der türkische Präsident.

Präsident Trump bezeichnet sich stolz als Nationalist, prahlt per Twitter mit seinem Startknopf für Atomwaffen und fühlt sich gekränkt, weil der französische Präsident eine europäische Armee aufbauen will. Verwunderlich bei einem Amerika, das der Idee eines vereinten Europa nicht wohlgesonnen ist?!

Putin: Ein Staatschef, der den syrischen Machthaber Assad und die Separatisten in der Ukraine unterstützt: Mehr als 400.000 Tote und Millionen Vertriebene, das ist die bisherige Bilanz des Bürgerkrieges in Syrien. In der Ukraine kamen bereits mehr als 10.000 Menschen ums Leben.

Präsident Erdogan: Unter seiner Herrschaft werden Rechtsstaatlichkeit, Grundrechte und Meinungsfreiheit mit Füßen getreten.

Deutschland und Frankreich haben die Gedenkveranstaltung in Paris zum Anlass genommen, eindringlich vor dem erstarkenden Nationalismus und den dadurch entstehenden Gefahren für den Weltfrieden zu warnen. Gerade auch die Entwicklungen in Europa sind Anlass zur Sorge. Europa steckt in einer Krise. Großbritannien bereitet den Brexit vor. Euroskepsis, Abschottung und Nationalismus greifen in vielen EU-Staaten Raum. Ein Klima, in dem Populisten ein leichtes Spiel haben und in dem – wie wir aus eigener leidvoller Geschichte wissen – auch schnell Extremismus und Gewalt gedeihen.

All‘ diese Entwicklungen zeigen: Frieden in Europa ist im 21. Jahrhundert ein höchst fragiles Gut, das es zu wahren und zu verteidigen gilt. 

Auch außerhalb Europas sind die Entwicklungen mehr als besorgniserregend.

Im vergangenen Jahr gab es weltweit 222 bewaffnete Konflikte, einige nicht weit von uns entfernt. Unsere Soldaten der Bundeswehr sind dabei überall in der Welt im Einsatz, um Frieden zu sichern oder dazu beizutragen, dass Frieden wieder hergestellt wird. Dafür sei an dieser Stelle Dank gesagt.

Jedes Jahr am Volkstrauertag gibt es mehr Menschen, derer wir gedenken müssen, und das sollte uns zu denken geben.

Lassen wir nicht zu, dass Gewalt oder gar Krieg jemals wieder Mittel der politischen Auseinandersetzung werden.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!

Ute Granold

Ortsbürgermeisterin