Rede zum Volkstrauertag 2021 Vorsitzender der RK Selztal

Sehr geehrte Frau Granold,
sehr geehrter Herr Pfarrer Leja, sehr geehrter Herr Pfarrer Dahmer,
sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kameraden,

der Tag des Gedenkens für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft, der Volkstrauertag, ist in den vergangenen Jahren zu einer neuen Bedeutung gekommen. Lange Zeit diente dieser Tag dem Gedenken der Opfer eines längst vergangenen Krieges oder den Opfern von Konflikten, welche weit weg von uns ausgetragen wurden. Die Jahrzehnte des Friedens in Europa brachten es für die Bundeswehr mit sich, zwar Tote bei Unfällen im Dienst, etwa bei Manövern, aber keine Gefallenen beklagen zu müssen. Mit dem Verweis auf die Geschichte und auf die bis zur Ratifizierung der 2 + 4 Verträge nicht vorhandene volle Souveränität konnte sich die Bundesrepublik lange aus internationalen Verpflichtungen heraushalten oder – wie zum Beispiel beim 2. Golfkrieg geschehen – sich freikaufen. Der Zerfall Jugoslawiens brachte dann zwar tatsächlich den Einsatz deutscher Streitkräfte mit sich, auch den Kampfeinsatz. Im Rahmen der Einsätze kam es in den 90ern zu Unfalltoten, Gefallene aber waren keine zu beklagen.

Der 2001 vom deutschen Bundestag beschlossene Einsatz in Afghanistan im Rahmen der International Security Assistance Force, kurz ISAF, begann im Glauben, ein Land zu stabilisieren, aufzubauen und in eine Demokratie nach westlichem Vorbild zu überführen. Vielen lag der Gedanke nahe, man mache jetzt das, was in den Jahren nach 1945 von den Alliierten in Deutschland getan wurde. Die Realität brachte die Ernüchterung. Nicht die ersten Toten änderten das Bild. Die OFw Kochert und Rubel starben, als eine Boden-Luft-Rakete während des Versuches diese zu entschärfen umsetzte. Die Wahrnehmung des Einsatzes wurde geprägt durch den Selbstmordanschlag vom 07. Juni 2003. Die Kameraden Oberfähnrich Andrejas Beljo, Oberfeldwebel Carsten Kühlmorgen, Feldwebel Helmi Jimenez-Paradies, Stabsunteroffizier Jörg Baasch fielen. Es gab 31 weitere Verwundete. Besonders tragisch war, der Bus befand sich auf dem Weg zum Flughafen Kabul, die Kameraden waren auf dem Weg nach Hause. Zum ersten Mal seit 1945 hatte Deutschland wieder Gefallene zu betrauern. Aber das Wort Gefallene fand man nicht. Es hieß, die Kameraden sind getötet worden. Der Anschlag blieb leider keine traurige Ausnahme. In den nächsten Jahren verschlechterte sich die Sicherheitslage zunehmend. Die Taliban sickerten in den AC North ein und konnten sich immer brutaler auswirken. Die Gewalt eskalierte.

In diesem Jahr ging der 20jährige Einsatz zu Ende. 59 deutsche Soldaten sind ums Leben gekommen. Davon sind 35 gefallen. Sie haben bei der Erfüllung ihres Auftrages das wertvollste, was sie hatten, ihr Leben gegeben. Die Anerkennung unserer Gefallenen fällt einigen bis heute schwer. Die Auseinandersetzungen um den Martin-Augustyniak-Platz in Bielefeld-Quelle, welche im letzten Jahr geführt wurden, mit dem Ziel, die Benennung zu vermeiden wird dem ein oder anderen noch im Gedächtnis sein. Die Gegner dieser Form der Erinnerung knickten schließlich ein, nachdem durch ein auflagenstarkes Boulevardplatt öffentlicher Druck aufgebaut worden war. Auch der Empfang der letzten Rückkehrer aus Afghanistan und das lange Ringen um den formalen Abschluss des Einsatzes zeigen, dass der Aushandlungsprozess um das Verhältnis zwischen Politik, Gesellschaft und Truppe noch kein allgemeinakzeptiertes Ende gefunden hat.

Der Volkstrauertag dient dem Gedenken der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft, er soll uns den Lebenden auch zur Mahnung dienen. Schließen wir in dieses mahnende Gedenken auch jene ein, die in diesen 20 Jahren in unserem Auftrag gedient und dabei ums Leben gekommen und gefallen sind. Auch sollten wir jene nicht vergessen, die zwar körperlich gesund, aber seelisch schwer verwundet zurückkehrten. Der Kampf dieser Kameraden dauert noch an und wird vermutlich nie enden.

Ich bitte Sie, beim Gedenken niemanden zu vergessen oder auszuschließen.

Ich danke Ihnen allen für Ihre Aufmerksamkeit.

Fabian Hofius Oberleutant d.R.
Vorsitzender der RK Selztal